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Optionen für den Wohnungsbau 02-200x.jpg © Jörg Lange
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Optionen für den Wohnungsbau 03-200x.jpg © Jörg Lange
Zeitschrift: AIT Architektur, Innenarchitektur, Technischer Ausbau
Verlag: Verlagsanstalt Alexander Koch
Stadt: Stuttgart, Deutschland
Datum: 01 / 2000
Bildrechte: Jörg Lange, Wilfried Dechau

Optionen für den Wohnungsbau: Optionen für den Wohnungsbau

Vor einigen Jahren gab es im französischen Kino einen sehr erfolgreichen Film, der gleichzeitig zwei Varianten anbot. Beide Versionen wurden zur gleichen Zeit gestartet. Vor dem Kino und hatte man die Wahl zwischen dem Film Smoking und seiner zweiten Version No-Smoking. Das konnte dazu führen, dass sich verabredete Kinobesucher an der Kasse trennten, um sich die jeweilige Version der Beziehungskomödie in unterschiedlichen Sälen anzuschauen. Beide Filme hatten den gleichen Ausgangspunkt. Ähnlich dem Schmetterlingseffekt der Chaostheorie entwickelten beide Versionen durch kleine unbedeutende Ereignisse weitere radikal andere Handlungsstränge, so das am Ende zwölf völlig verschiedene aber genauso plausible Optionen standen. Diese Methode führte zu einer Durchleuchtung der Persönlichkeiten in ihrer gesamten Vielschichtigkeit.

Architektur ist statisch

Der Architektur und letztendlich ihren Nutzern ist die Methode einer parallelen Betrachtungsweise fremd, denn Architektur ist der Versuch, Räume eindeutig zu definieren. Der Planungsprozess ist in erster Linie ein Entscheidungsprozess, in dem eine Situation ausgewählt, und von anderen abgrenzt wird. Varianten dienen dazu, das Optimum zu ermitteln und nicht, dynamische, wandelbare Flusszustände zu erreichen. In dieser Sichtweise geht es Architektur allein um die Festschreibung eines permanenten Zustands in dem beide, Architekt wie Nutzer, gefangen sind.

Temporäre Ansprüche

Dagegen treffen wir heute immer mehr auf Temporäres statt auf Konstantes. Dynamische Prozesse bestimmen heute unsere alltägliche Lebenswelt, in der sich die bedingenden Parameter im kontinuierlichen Fluss befinden. Die Beziehungen werden immer komplexer und vernetzte Strukturen wandeln sich in Schneeballsystemen gegenseitig. Die heutige Zeit kennzeichnet sich unserer Meinung nach eher durch einen Pluralismus der Lebensformen und Nutzungen. Erwünscht ist die gleichzeitige Verfügbarkeit verschiedener Dinge in einer Situation.

Prozesse

Wir stellen fest, dass der Faktor Zeit in der Architektur eine immer größere Bedeutung gewinnt. Architektur hat heute mehr mit Prozessen zu tun als mit konkreten Formen. Andere Nutzungsansprüche fordern mehr Flexibilität. Der Wunsch neue Räume zu erleben führt zur Veränderung. Die Ökologie fordert die Anpassbarkeit von Bauteilen und Räumen an Zeitzyklen, jeder Wettbewerb schreibt heute 2 bis 3 Realisierungsphasen vor. Investoren fordern immer öfter aus Marktgründen nutzungsflexible Architekturen: ein Bürobau soll mit wenigen Veränderungen auch Wohnbau werden können. Es geht heute weniger um das Konkrete, Eindeutige, als mehr um das „sowohl als auch“. Es geht um unterschiedliche Gebrauchsmöglichkeiten einer geplanten räumlichen Situation innerhalb und außerhalb eines Gebäudes. Eine eindeutige Determinierung von Raum und Funktion schränkt immer mehr ein. Schafft das architektonisch vorherrschende Prinzip der Optimierung, das letztendlich nur eine Lösung - wenn auch die bestmögliche - bieten soll, nicht doch nur bewegungslose Formen für eine beschränkte Nutzung und ist somit anachronistisch? Optionale Konzepte stehen gegen eindimensionales Optimieren.

Architekt als Stratege

Was bedeutet diese Entwicklung für den Planer. In Zukunft wird er in vielen Projekten vorwiegend Stratege seien müssen, der flexible Strukturen entwirft. Er wird dynamische Prozesse formalisieren und weniger formal ausbildend denken. Er wird das Verhalten von Menschen im Raum auf einen langen Zeitraum kalkulieren und Bewegungsbilder der Nutzung entwerfen müssen. Die Biologie kennt verschiedene Prozesse der Wandelbarkeit. Diese Prozesse sind kurz-, mittel- oder langfristig, permanent oder temporär: Die Mimikry beschreibt die Anpassung über einen begrenzten Zeitraum mit der Möglichkeit der Reversibilität, wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzufinden. Die Metamorphose ist eine unumkehrbare Verwandlung in einen anderen Zustand. In der Architektur kann Flexibilität in verschiedenen quantitativen und qualitativen Stufen auftauchen. Flexibilität ist nicht zwangsläufig an Bewegung gebunden. Ein konkreter Raum, der statisch ist und Alternativen anbietet, kann trotzdem optional und damit flexibel nutzbar sein. Wandelbare Flexibilität bezieht sich auf die Möglichkeit, den gebauten Raum über die Zeit in seiner Konfiguration zu verändern. Sie existiert nach Gustau Gili Galfetti in drei Formen:
• „Die Mobilität beschreibt die Option, Innenräume einfach und schnell den täglichen Lebensbedingungen anzupassen. Anpassbarkeit findet über den Tagesrhythmus oder saisonal über den Jahresrhythmus statt. In vielen Beispielen kommunizieren Container- und Robot Möbel oder Servicezonen interaktiv mit dem offenen Universalraum. In ihnen ist der Service auf ein Minimum komprimiert. Der eingesparte Raum geht in der universalen Fläche auf. Es handelt sich um eine Architektur von dienendem und bedientem Raum.
• Evolution ist die Option der strukturellen Veränderung über einen langen Zeitraum, meistens ist sie irreversibel. Wir finden hier Umbau oder Rückbauüberlegungen.
• Als dritte Form existiert die Elastizität. Sie ist eine Option der Raumerweiterung durch langfristige Addition oder kurzfristige Schaltbarkeit. Sie findet an den Rändern und Raumbegrenzungen statt. Nichttragende, verschiebbare oder entfernbare Wände realisieren Verbindungen und Übergänge zu vorher ausgegrenzten Bereichen.“

Technik

Für uns setzt die Umsetzung flexibler architektonischer Strukturen neben einer planerischen Flexibilität zwangsläufig den Einsatz von Technik und modernen Materialien voraus. Der notwendige Technikeinsatz, um die Dinge in Bewegung zu bringen, führt zu einem Bildtransfer der industriellen Wirklichkeit in die Projekte. Dadurch hat die Architektur die Möglichkeit, authentisch und zeitgemäß zu werden. Technik wird selbstverständlicher Teil der Alltagswelt, jedoch nie als Selbstzweck und ohne inszeniert werden zu müssen.

Der aktive Part der Benutzer

In allen unseren Projekten, die sich mit Flexibilität auseinandersetzen, ist der Benutzer fester Bestandteil aller Überlegungen. Er soll am Prozess einer permanenten Raumbildung partizipieren. Der Benutzer soll die Wahl haben, die Nutzung der jeweiligen Raumbereiche selbst zu definieren, oder einfach seine atmosphärischen Bedingungen zu wählen. Hierdurch eignet er sich seinen Raum im interaktiven Prozess an und emanzipiert sich, indem er diese Entscheidungsfreiheit auch nutzt. In dem Maße, wie der Architekt sich mit seiner Architektur zurückzieht, übernimmt der Benutzer einen aktiven Part in der Anpassung der Architektur an seine sich wandelnden Lebensbedingungen.

Gefahren

Von den Vorteilen einer flexiblen Architektur ist es aber auch nicht weit zu ihren Gefahren: flexible Strukturen können auch überfordern. Einerseits besteht die Gefahr einer Überfrachtung der Räume mit flexiblem Tand, welcher wenig sinnvoll ist und eher Gadgetfunktion besitzt - der Raum wird mit Spielzeug voll gestellt. Andererseits kann man der Gefahr erliegen, Scheinalternativen zu entwickeln, die mehr beschäftigen als unterstützen. Dazu sagt Rem Koolhaas bei aller Anerkennung über das Schröderhaus, dem Beispiel einer flexiblen klassischen Moderne: „Das Schröderhaus ist voller Entdeckungen, voller großer und kleiner Bedeutungen… Man kann sich fragen, ob es tatsächlich so befreiend ist, wie der Mythos der niederländischen Moderne suggeriert. Genauso gut kann man spüren, dass es mit anderen Mitteln erstickt. Am besten vielleicht verdeutlicht für mich folgende Frage den Unterschied zwischen Rietveld und Mies: Gibt es so etwas wie Freiheit, die festlegt und Festlegung, die befreit? Das erste wäre Rietveld, das zweite Mies.“ Neben der Überfrachtung kann die Gesichtslosigkeit und Uneindeutigkeit der Räume ein entscheidendes Problem werden. Denn wenn sich Gebäude verändern und „sowohl als auch“ sein können, gibt es einen Identitätsverlust. Walter Benjamins Vision einer Architektur mit lediglich organisierenden Funktionen sind die Horrorvision einer anonymen Architektur, die wir in unseren Projekten zu vermeiden suchen. Bei aller Flexibilität und Mobilität darf die Physiognomie des Raumes nicht verloren gehen. Es geht nicht darum, eine identitätslose Architektur zu entwickeln, die - indem sie alles kann nichts ist.

Komplexität der Bilder

Ein Entwurf muss durch viele Dinge aufgeladen werden, um eine Spannung zu bekommen. Komplexität entsteht in erster Linie durch die kontextuelle Dimension. Ort und Programmanalyse sind die wesentliche Voraussetzung der Anreicherung. Aus ihr ergeben sich immer thematische Ansätze für das jeweilige Projekt. Ein weiteres wichtiges Element ist die Kulturanalyse der Aufgabe: das Sondieren der kulturellen Peripherie und die darauf aufbauende Entwicklung von Analogien und Metaphern. Ein Entwurfsprozess darf jedoch nicht nur in ordnenden, objektiven Bahnen verlaufen. Er muss vielschichtig sein und Querbezüge aufweisen. Kleine Spuren können auf magische Weise wichtig werden und dem Entwurf ihre Poesie einhauchen. „Störfaktoren“ müssen akzeptiert werden. Der kreative Entwurfsprozess vollzieht sich nach Tony Cragg im Spannungsfeld von „Objektivität, Subjektivität und Irrationalität.“ Er ist vielschichtiger, als die Folgerung aus einer überlegten Analyse.

Sinnlichkeit des Gebrauchs

Was die positive Seite einer wandelbaren Architektur anbelangt, interessiert uns ein weiterer Aspekt: Der ästhetische Nutzen einer vom Gebrauch überlagerten Architektur. In einem Artikel über Charles Eames spricht der Autor Geoffrey Holroyd in diesem Zusammenhang von der „ästhetischen Flexibilität“ oder dem Dekor des Gebrauchs. Die Architektur schafft nicht mehr den Raum, sondern der Raum wird durch die Art der Benutzung geschaffen. Das setzt eine gewisse Zurückhaltung der Architektur in ihrer vordergründigen Sprache voraus. Architektur muss in diesem Fall eher die Rahmenbedingungen definieren und gewährleisten als sprechen. Der wichtigste Aspekt, neben der funktionalistischen oder ästhetischen Sichtweise, ist jedoch die Sinnlichkeit des Gebrauches, denn Veränderung befreit nicht nur, sondern macht auch Spaß. Der Raum verkommt in dieser Sichtweise nicht zur Maschine mit technischer Einrichtung, sondern hat die Möglichkeit Heiterkeit, Ironie oder sogar Widersprüchlichkeiten auszustrahlen. Er ist weniger verkrampft und weniger architektonisch. Wandelbarkeit ist in diesem Sinne nicht nur das Angebot einer funktionalen objektiven Alternative, sondern zusätzlich die einer veränderten Stimmung.

„Sesshafte besitzen, Nomaden erfahren“, sagt Vilém Flusser. Das heißt, derjenige, der die Optionen eines wandelbaren Raumes nutzt und sich selbst wie den Raum in Bewegung bringt, erlebt gleichzeitig sein sinnliches Potenzial.

„Das Ziel einer solchen Architektur ist nicht eine Form, sondern eine Entwicklung.“ (Dewey)

Schluss

Unsere Projekte sind ein Versuch, die „gefrorenen Bilder“ der Architektur aufzubrechen. Sie sind ein erster Schritt zu sich verändernden Gebäuden, die auch dem Benutzer die Wahl lassen. Wir sind an komplex interpretierbaren Gebäuden interessiert, die vielschichtige, auf den Bauherren abgestimmte Nutzungsmöglichkeiten in Gang setzen und ihm die Möglichkeit eröffnen, in enger zeitlicher Folge unterschiedliche sinnliche Qualitäten abzurufen. Dabei stehen die Begriffe Strategie, Prozess und Option für uns vor dem Begriff der Gestalt.